«Warum machten
so viele mit?»

Über Jahrzehnte hat die Schweiz Kinder und Jugendliche unschuldig weggesperrt. Gabriela Merlini-Pereira (55) ist eine von ihnen. Hier wird ihre traurige Geschichte erzählt.

Die Fotos sind über fünfzig Jahre alt: Eine Frau sitzt in einem blütenweissen Bett, in den Armen hält sie ein Baby. Dann liegt es an der Brust eines Mannes. Er drückt es liebevoll an sich und strahlt. Das Neugeborene ist Gabriela Merlini-Pereira, geboren am 3. Februar 1964 in Wohlen AG. Es sind Szenen einer glücklichen Familie. Ein Leben, wie es hätte sein können – wenn nicht die Schweizer Behörden es zerstört hätten.

 

Durst und Kälte

Wenn Gabriela Merlini-Pereira die Fotos zeigt, überkommen sie Schmerz, Trauer, Wut. Sie sagt: «Fast ausnahmslos wird behauptet, dass die Kinder, die damals weggesperrt wurden, aus zerrütteten Familien gekommen seien.» Sie weiss: «Das ist nicht einmal die halbe Wahrheit.» Die Akten bestätigen das. Die Behörden wissen, dass die Eltern – eine Portugiesin und ein Schweizer – heiraten wollen, der Vater für die Familie sorgt und die Scheidung von seiner Noch-Ehefrau vorantreibt.

Trotzdem wird Gabriela mit 18 Monaten ins Waisenhaus gebracht, staatenlos gemacht und «versorgt» (siehe Box). Das Heim wird von Menzinger Schwestern geführt. Frauen, die zum Gotteslohn arbeiten. Was genau mit ihr passiert ist, weiss Gabriela nicht. Doch sie sagt: «Ich habe Erinnerungen. In Form von massivem Durst, Schmerzen und Kälte.»

Kuhnagel und Sonnenbrand

Nach einem Jahr gelingt es dem Vater, Gabriela zurück und die Familie nach Seuzach ZH zu holen. Der Gemeinde muss er für Gabriela ein Depot von 25 000 Franken zahlen. Doch bald stirbt der Vater an Krebs. Das Geld, das er hinterlegt hat, behält die Gemeinde. Sie überweist der Mutter einen kleinen Beitrag für Gabriela, am Anfang sind es nur 100 Franken pro Monat. Im Dorf wird Gabriela als «Bastard» und «Tschingg» beschimpft, auch zu Hause ist sie nicht sicher: «Ich kenne jenste Momente, in denen einfach Leute in unsere Wohnung eingedrungen sind. Der Psychiater, die Fürsorgerin …» Die Mutter versucht sie zu schützen, doch eines Abends wird Gabriela geholt. Sie wird ins Heim Freienstein gebracht.

Die Kinder müssen arbeiten, im Stall, im Haus, im Garten. Im Sommer haben die Kinder schwere Sonnenbrände, im Winter Kuhnagel. Ihnen wird gesagt, sie müssten sich ihren Aufenthalt verdienen. Gabrielas Merlini-Pereiras Stimme zittert: «Heute weiss ich: Wir haben das auch noch bezahlt. Meine Familie hat diese Folter selber bezahlt.» In den Akten steht, wie viel: fast 30 000 Franken.

Verhängnisvolle Flucht

Eines Nachts sitzt ein Praktikant an Gabrielas Bett: «Er hat mich gestreichelt und gefl üstert: Du gehörst zu jenen Frauen, die immer schöner werden.» Gabriela beschliesst zu fl iehen. Ein anderes Mädchen geht mit. Als es Angst bekommt, drehen die beiden um. Im Dorf begegnen sie einem Mann. Weil Gabriela sich wehrt, packt er das andere Mädchen. Er vergewaltigt sie, «mit dem Finger», erzählt Gabriela. Bald danach kann auch sie sich nicht mehr schützen. Im Pro-Juventute-Lager wird sie von einem jungen Leiter vergewaltigt. Nacht für Nacht. Als Gabriela nach vier Jahren endlich zur Mutter zurückkehrt, ist sie 11 Jahre alt, traumatisiert und denkt an Suizid. Sie rettet sich in Bücher und in die Literatur.

Qual ohne Ende

Nach dem Tod ihrer Mutter 2003 beginnt Merlini-Pereira zu recherchieren. Über die Behördenwillkür und die ständige Gewalt, der sie und Tausende andere jahrzehntelang ausgeliefert waren. Das ist für Gabriela –Merlini-Pereira das Unbegreifbare: «Alle haben es gewusst, aber fast niemand hat etwas gesagt, geschweige denn getan. Warum macht das ein ganzes Volk mit? Warum?»Sie meint nicht nur die Vergangenheit. Sondern auch, wie heute mit Menschen umgegangen wird. Im Asylwesen, auf dem RAV, bei der Sozialhilfe, in der Invalidenversicherung.

 

Seit einem Unfall vor neun Jahren kann Merlini-Pereira nicht mehr arbeiten. Auf den Ämtern erlebt sie, was sie schon als Kind erlebt hat: ein «Entmündigungssystem », mit Kontrolle und Bevormundung. «Es hört einfach nicht auf», sagt Merlini-Pereira. Als 2014 eine Initiative fordert, dass ehemalige «Versorgte» entschädigt werden, beschliesst das Parlament, die Geschichte der administrativen Versorgung aufzurollen. Gabriela Merlini-Pereira hat Hoffnung, nimmt gelegentlich am Betroffenen-Forum teil. Schon bald hat sie aber das Gefühl: Das hier läuft in eine falsche Richtung. Ihr fällt auf, dass jene, die in den Medien erscheinen, solche sind, die es «geschafft» haben, während der Grossteil der Betroffenen aber in Armut lebt. Sie nennt weitere Beispiele und sagt: «Uns wurde relativ schnell klargemacht, wie wir uns als Opfer zu verhalten hätten: dankbar sein und stillhalten. » In die politische Aufarbeitung hat Gabriela Merlini-Pereira keine Hoffnung mehr: «Die Art und Weise, wie das gemacht wurde, hat mich erneut traumatisiert.»

 

Sie versucht nun, sich auf ihr persönliches Projekt zu konzentrieren: ihre Tableaux aus Karton, die ihr Leben in Collagen erzählen. Mit Fotos, Briefen, eigenen Zeichnungen und literarischen Texten. Ihr Traum ist, einen Ort zu schaffen, an dem sich Menschen frei begegnen können. Vor allem auch jene, die wie sie durch Zwangsmassnahmen traumatisiert worden sind. «Es soll ein offener Raum sein, damit Menschen vorbeikommen und auch meine Tableaux anschauen können.» Das, sagt Gabriela Merlini-Pereira, soll ihr Vermächtnis werden.

Autorin: Patricia D'Incau

erstmals erschienen in: work Nr. 12/19, am 28. Juni 2019, www.workzeitung.ch 

 

 

 

 

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